Verdirbt die Pille dauerhaft die Lust auf Sex? Ja, möglich ist es

Die Antibaby-Pille ist schon mit vielen erwünschten und unerwünschten Nebenwirkungen in Verbindung gebracht worden. Amerikanische Mediziner haben jetzt eine weitere unerwünschte Wirkung beobachtet: Sie vermuten, dass unter Umständen die Pille das sexuelle Verlangen einer Frau auf Dauer beeinträchtigen kann.

Viele Frauen wissen es aus eigener Erfahrung: Die Pille wirkt auf das sexuelle Verlangen oft wie ein Dämpfer. Bei einer Studie der Universität Heidelberg mit über 1000 Studentinnen wurde dieser Efffekt kürzlich bestätigt. Doch jetzt stellte der Sexualwissenschaftler Dr. Irwin Goldstein fest, dass diese Wirkung auch nach Absetzen der Pille dauerhaft anhalten kann.

Antibaby-Pillen führen dazu, dass die Hormonproduktion in den Eierstöcken zurückgefahren wird. Gleichzeitig steigt die Menge eines Eiweißes (SHBG, sexualhormonbindendendes Globulin), das einen Teil des Sexualhormons Testosteron im Blut an sich bindet und damit wirkungslos macht.

Verlangen nach Sex ist in der Zeit einer möglichen Schwangerschaft auch besonders hoch

Das Testosteron sorgt auch bei Frauen für den Spaß am Sex. Besonders viel von dem Hormon ist kurz vor dem Eisprung im Blut. Deshalb ist das Verlangen nach Sex in der Zeit einer möglichen Schwangerschaft auch besonders hoch. Doch mit der Pille wird der Natur ein Strich durch die Rechnung gemacht. Denn sie gaukelt dem Körper eine Schwangerschaft vor.

Die Folge einer niedrigen Testosteronkonzentration ist, dass zumindest bei einem Teil der Frauen, die die Pille nehmen, sich die sexuelle Lust in Grenzen hält und die Orgasmen flacher werden oder ganz verschwinden. Bisher gingen Mediziner immer davon aus, dass sich spätestens vier bis sechs Wochen nach Absetzen der Pille solche Wirkungen wieder verflüchtig haben.

Nach Absetzen der Pille kehrt die sexuelle Lust nicht automatisch wieder zurück

Doch der Sexualwissenschaftler Goldstein setzte bei einem Kongress diesen Vermutungen jetzt ganz andere Fakten entgegen. Denn bei einer Untersuchung, an der 125 junge Frauen teilgenommen hatten, stellte er fest, dass das Testosteron bindende Eiweiß SHBG auch nach Absetzen der Pille deutlich erhöht bleibt. Die sexuelle Lust kehrt also nicht automatisch wieder zurück.

Goldstein hatte bei seinen Untersuchungen festgestellt, dass bei Frauen, die die Pille nahmen, die Menge des Eiweißes SHBG siebenmal höher war als bei Frauen, die die Pille nie genommen hatten. Bei den Frauen, die die Pille abgesetzt hatten, gingen die Werte zwar wieder etwas zurück. Doch sie waren immer noch drei bis viermal höher als bei Frauen, die nie die Pille genommen hatten.

„Es besteht die Möglichkeit, dass sich dieser Zustand für den Rest ihres Lebens nicht mehr ändert“, so der Sexualwissenschaftler, der davon ausgeht, dass schon sechs Monate mit Pille ausreichen können, die sexuelle Lust auf Dauer in den Keller zu treiben.

Was vielen jungen Frauen entgeht, wissen sie nicht. Sie kennen nur lusthemmenden Sex mit Pille

Bei einer weiteren Untersuchung hatte Irwin Goldstein schon eine andere Tatsache entdeckt – dass die Pille den Testosteronspiegel auf ein Drittel jener Menge reduziert, der für Freude am Sex erforderlich ist.

Obwohl bekannt ist, dass die Pille bei vielen Frauen einen lustdämpfenden Effekt haben kann – die Pharmaindustrie geht bei diesen Fragen eher auf Tauchstation. So findet sich in den zwei offiziellen Broschüren zum „10jährigen“ der Antibabypille „Valette“ nur in einer Broschüre im Kleingedruckten bei den Pflichtangaben auf der letzten Seite unter dem Abschnitt „Selten wurde berichtet“ das Stichwort „Libidoabnahme“. Mehr nicht. Unter welchen Umständen Frauen davon betroffen sein können, lässt Valette-Hersteller Jenapharm völlig offen. Das Problem wird noch dadurch verschärft, dass junge Mädchen, die Sexualität nur mit der Pille kennen, über eine Libidoabnahme nur schwer etwas sagen können. Das Sexualempfinden mit Pille ist für sie der Normalzustand.

Dass bisher der Zusammenhang von sexueller Lust und Pille eine so untergeordnet Rolle spielt, bedauert auch Goldsteins Kollegin Dr. Claudia Panzer. In einem Interview sagte sie: „Viele Frauen wissen nicht, dass die Antibaby-Pille auch negative Seiten für ihr Sexualleben haben kann.“ Ihnen sollten alle Vor- und Nachteile erläutert werden.

Weibliche Lust ist in der Forschung kein Thema

In der Forschung hat man sich bisher erst wenig mit der weiblichen Libido beschäftigt. Auch wenn der Testosteronspiegel mit zu den wichtigsten Faktoren gehört – es gibt noch andere. „So kann die Sicherheit, die eine bewährte Verhütungsmethode vermittelt, ein wichtigerer Faktor für guten Sex sein, als eine bestimmte Menge von SHGB im Blut“, sagt auch der Sexualforscher Iwin Goldstein.

Die Empfehlung von Frauenärzten: Wenn Frauen spüren, dass es vermutlich die aktuell eingenommene Pillensorte ist, die ihr Lustempfinden beeinträchtigt, dann sollte möglichst schnell die Pille gewechselt werden. Denn nicht alle Antibabypillen senken den Lustfaktor Testosteron im gleichen Maße. Oder es wird gleich ein Verhütungsmittel genommen, das keine Sexualhormone enthält.

Mehr Kopfschmerzen und Migräne

Auf einen anderen Zusammenhang sind schon vor Jahren Forscher der Universität Trondheim (Norwegen) gestoßen: Frauen, die die Antibaby-Pille nehmen oder in der Vergangenheit genommen haben, leiden häufiger unter Kopfschmerzen und Migräne als Frauen, die nie die Pille genommen haben. Dabei spielt die Menge des in der Pille enthaltenen Östrogens keine Rolle. Für die Studie waren Daten von über 27.000 Frauen ausgewertet worden.

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